Flaschenpost: An die Ufer vergangener Tage

Veröffentlicht am 13. September 2026 um 08:00

Flaschenpost: An die Ufer der vergangenen Tage

Lange wusste ich nicht wohin mit der Schwere, die mir aufgeladen wurde. Schon als Baby und Kind war ich ständig krank, ein zartes Gefüge, das die Last nicht tragen konnte, ohne zu zerbrechen. Das Immunsystem litt, weil der Körper unter ständigem Stress stand. Also half er sich auf seine Weise.

Es gab diesen stillen Pakt: Wenn die Seele nicht mehr weiterweiß, fragt sie den Körper, ob er helfen kann. Und der Körper sagt ja – und wird krank, um einen unübersehbaren Schutzschild zu errichten.

Ich habe die Schwere in Hornhaut am linken Ellenbogen gepackt – manche nannten es damals Neurodermitis, aber es war schlicht die Haut, die hart werden musste, weil echter Schutz fehlte. Ich habe sie in die Nächte getragen, in denen ich bis zum Kontaktabbruch immer wieder einnässte, getränkt von einer panischen Angst, die nirgendwo hin durfte, und ich habe sie in abgekauten Fingernägeln zerkleinert, weil der Druck im Inneren keinen anderen Ausweg fand. Selbst der Krebs, der später kam, war nur ein weiteres Echo dieses unerbittlichen Dauerstresses. Mein Körper war ein geduldiger, leidender Speicher für all das, was draußen unausgesprochen bleiben musste.

Man dachte oft, ich wäre einfach kaputt oder schwierig. Doch ich war nicht kaputt – ich war nur in einer zerstörerischen Loyalität gefangen. Ich habe in alter, blinder Pflicht gehalten, ausgehalten, überlebt.

Und dann kam der Tag, an dem das Band riss. Ausgerechnet mit dem Kontaktabbruch, womit man mich bestrafen wollte, wurde ich frei und gesundete. In diesem Moment änderte sich alles, und die Luft schmeckte plötzlich anders.

Wenn die Seele heilt und die Loyalität zu sich selbst zurückkehrt, atmet auch der Körper auf und wird wieder gesund. Es brauchte keine Härte mehr am Ellenbogen, denn die Bedrohung war aus dem Leben gewichen. Es brauchte keine nächtliche Angst mehr, denn die Sicherheit war da. Es brauchte keine Stücke mehr von mir selbst, die ich abbeißen musste. Die Haut wurde weich. Die Nägel wuchsen nach.

Nun bist du im letzten Jahr gegangen, und mit deinem Tod schließt sich dieses Kapitel endgültig. Ich wollte dir auf diesem Weg noch sagen: Ich habe dir vergeben, weil ich verstand, was der Krieg mit dir machte – aber vergessen konnte ich nie. Der Schmerz lief weiter, er floss unbemerkt in meine eigenen Kinder, und diesen Kreis zu durchbrechen, war der schwerste Kampf von allen.

Und ich wünsche dir, wo immer du jetzt bist, dass du deinen Frieden findest. Von ganzem Herzen.

Doch jetzt blicke ich nach vorn. Das Leben hat mir gezeigt, dass wir nicht die sind, die wir bleiben mussten, sondern die, die wir uns selbst erschaffen. Manchmal braucht es erst den tiefsten Winter, um zu begreifen, dass in uns ein unbesiegbarer Frühling wohnt.

Denn am Ende gilt: Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht – aber wer tief genug wurzelt, dem kann kein Sturm mehr etwas anhaben.

Du hast es geschafft, flüstere ich mir selbst zu. Die Flaschenpost ist angekommen. Der Schmerz hat seine Arbeit getan und darf jetzt gehen. Ich bin frei, zufrieden, auf meine Art glücklich, habe mich gefunden. 

 

Für mich soll's rote Rosen regnen